Es ist ein Uhr nachts und wir liegen wach. Paul schläft in unserer Mitte. Wir selbst können nicht schlafen, da wir Geräusche von draußen hören, die uns an schlechte Horrorfilme erinnern. Horrorfilme, in denen die Protagonisten am Ende nicht viel zu lachen haben. Als nächstes verstoßen wir dann auch noch gegen die Grundregel, um in solchen Horrorfilmen am Leben zu bleiben: Ich gehe allein an die Tür und schaue nach, was los ist.

Wir befinden uns auf der schottischen Halbinsel Ardnamurchan. Das sagt Dir erstmal nichts? Kein Wunder, denn dieses abgelegene Gebiet im Westen Schottlands hat nicht nur einen komplizierten Namen, sondern steht auch seltener in Reiseführern als die „prominenten Nachbarn“ Isle of Skye oder das Gebiet um Loch Lomond.

Auch bei diesigem Wetter wunderschön: Die schottische Landschaft

Auch bei diesigem Wetter wunderschön: Die schottische Landschaft

Auf unserem zwei-wöchigen Road-Trip durch Schottland haben wir uns für eine Interessante Unterkunft entschieden, die uns fernab vom Schuss beherbergen soll.

Der beschwerliche Weg die Zivilisation hinter sich zu lassen

Schon der Weg zu dieser Unterkunft verlangte uns einiges ab: die letzten 50 Meilen der Strecke (80 Kilometer) führten uns über eine Single-Track-Road immer weiter entlang der Landzunge. Eine Single-Track-Road – also eine Straße, die gerade so die Breite eines Autos aufweist – die jedoch beidseitig befahren wird. Immer wieder passieren wir kleine Seen, Flüsse, steinige Küstenzüge, kleine Bergketten und vor allem unzählige Schafe. Dazu kommt die Schwierigkeit, dass die Straße sehr kurvig ist und wie immer mit Gegenverkehr rechnen müssen. Denn das „Single“ in Single-Track-Road steht nunmal nur für die Breite der Straße und nicht für die Art der Nutzung.

Single-Track-Road in die schottische Abgelegenheit

Single-Track-Road in die schottische Abgelegenheit

Auch das sonst beinahe allwissende Google-Maps hat sich kräftig verschätzt. Die Fahrzeit die hier angegeben war ist für uns in diesem Moment einen Illusion. Niemals werden wir diese 50 Meilen über Stock und Stein und bei feinstem schottischen Nieselregen durch blockierende Schafherden in diesem Tempo fahren können.

Dabei hätte es Google doch wissen können, nachdem sie die Strecke selbst mit ihrem Street-View-Fahrzeugen abgefahren sind (Wahnsinn, was Google für eine Abdeckung auf den Straßen im vereinigten Königreich aufweisen kann). Aber so können wir Dir immerhin einen besseren Eindruck von der Streck vermitteln:

Über den richtigen Zeitpunkt zum Tanken nachzudenken ist nicht typisch Deutsch

Deutsche sind in der Welt bekannt für Ordnung und Planung (wurde uns so zugetragen).

So könnte es naheliegend sein, dass wir auch pingelig und vorausdenkend sind, wann wir ein Auto nachtanken sollten. Doch die Infrastruktur in Deutschland nimmt uns diese Gedanken ab: Wir sind daran gewöhnt immer eine Tankstelle in Reichweite zu haben.

Im schottischen Niemandsland ist das jedoch nicht der Fall. Und wir hatten (natürlich) nicht getankt. Wir hatten also ein wenig mehr als ein Drittel des Tanks übrig und waren schon auf dem Weg in Nichts. Bei einer verwaisten Tankstelle hielten wir an und informierten uns bei Einheimischen, wo wir nochmals auftanken könnten. Die Antwort war direkt und niederschmetternd: „Ihr habt nicht in den Highlands nachgetankt? Na hier gibt es keine Tankstelle. Vor allem nicht am Wochenende. Wenn ihr Glück habt, ist die Tankstelle in Kilchoan morgen geöffnet und hat etwas Diesel.“

Die Tankstelle hatte am nächsten Tag tatsächlich geöffnet. Und hatte sogar noch Diesel. Die Pumpe wurde fachmännisch per Hand eingeschaltet. Ein Wiesel rannte währenddessen an mir vorbei und hatte dabei seine Beute im Maul. Bezahlt wurde – natürlich ausschließlich bar – in einem Mini-Markt mit historischen Flair. Die beiden einzigen Geschäfte des kleinen Ortes waren also ein Monopol.

Da waren wir nun: Im Nomadenzelt in der Einsamkeit Schottlands

Wir hatten die Ardnamurchan Yurt auf Airbnb gefunden.

Wir schauen uns auf Airbnb häufig um, wenn wir eine Unterkunft für uns Drei suchen. Wir haben für uns festgestellt, dass Airbnb-Unterkünfte ein paar unbezahlbare Vorteile gegenüber Hotels und Bed & Breakfasts bieten können.

In diesem Fall hat uns das Abenteuer dazu gebracht den Host direkt anzuschreiben, um eine Nacht in diesem Nomadenzelt in der Einsamkeit Schottlands zu buchen.

Das Nomadenzelt

Das Nomadenzelt

Im Nomadenzelt angekommen, fanden wir eine Bleibe vor, die als Camping mit guter Ausstattung bezeichnet werden kann: Eine kleine Küche mit Gaskochfeld, Töpfen, Pfannen, Utensilien, ein Bett, Sitzmöbel, ein kleiner Kamin in der Mitte des Zeltes und außerhalb sogar eine Toilette und Dusche. Eigentlich alles was wir brauchten, um die Einsamkeit zu genießen und das nieselig-kalte Wetter hinter uns zu lassen. Romantisch bei wärmendem Feuer den Abend genießen.

Das Innere des Zeltes

Das Innere des Zeltes

Die Kochstelle

Die Kochstelle

Die Sache mit dem Feuer

Doch es gab ein kleines, aber wesentliches Problem.

„Ganz schön große Stücke Holz haben sie uns da gegeben. Schauen wir mal, wie wir die anbekommen sollen. Schau Du mal, ob Du eine Axt draußen finden kannst!“

Dann mal los. Zeitungspapier in kleine Kügelchen rollen. Eine Papier-Pyramide bauen. Die wenigen kleinen Holzsplitter lege ich darüber. In der Zwischenzeit kommt Eva von der Axt-Suche zurück. Erfolglos. Wir sammeln rund um das Nomadenzelt weitere kleine Holzteile und stapeln diese auf die Papiergrundlage. Nächster Schritt: Anzünden.

Ja! Ja! Es brennt! Ich habe Feuer gemacht!

Ich lege im nächsten Schritte eins der großen Holzstücke darauf, die Tür des kleinen Ofens noch leicht geöffnet, um genug Sauerstoff ins Innere des von mir erschaffenen Infernos zu lassen. Das sieht doch schon sehr gut aus. Sagte ich ja: ein Kinderspiel. Die Angst vor den großen Stücken war bei so viel Können (und kokeln in der Kindheit) völlig unbegründet.

(10 Minuten später) Es ist aus. Ich habe phänomenal versagt. Im richtig großen Stil. Meine Familie muss frieren.

Erste Fehlersuche: Vielleicht habe ich das große Stück Holz zu früh aufgelegt. Außerdem wirkt das Holz darüber hinaus noch leicht feucht.

Noch einmal von vorn. Diesmal kostbaren Rat und etwas weibliche Eingebung bei Eva einholen.

(Eine Stunde später) Ein langer, unnachgiebiger Kampf geht zu Ende. Wir müssen uns dem feuchten, großstückigen Holz geschlagen geben. Es wird eine kühle Nacht, das ist uns spätestens ab diesem Moment vollkommen klar. Zum Glück gibt es Kerzen, genug Decken und für Tee und warmes Essen noch die Gaskochfelder. Wir machen uns also an die Arbeit die Atmosphäre im Nomadenzelt auch ohne den wärmenden Kamin angenehm zu gestalten.

Die nächtlichen Besuche von wilden schottischen Tieren

Nachdem wir etwas warmes gegessen hatten und Paul behaglich in seinem Schlafsack eingeschlafen war, gingen wir auch bald ins Bett. Es war auf Grund der langen Strecke und der unzähligen Versuche ein Feuer zu entfachen spät geworden.

Doch nach kurzer Zeit weckten uns die unheimlichen Geräusche wilder Tiere. Es ist ein Uhr nachts und wir liegen wach. Paul schläft weiterhin seelenruhig in unserer Mitte.

Doch was war es nun? Nach kurzem Lauschen an der Zeltwand war mir vollkommen klar: Wildschweine! Das Zelt hat keine Fenster, daher können wir uns nicht vergewissern. Es sei denn wir überwinden uns die Tür zu öffnen und das Risiko einzugehen den wilden Tieren direkt von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten.

Ich entschließe mich (möglicherweise unter gewissen weiblichen Druck) genau dieses spektakuläre und gefährliche Unterfangen einzugehen.

Was meine Augen in der schottischen einsamen Dunkelheit erblickten löste in meinem Gehirn etwas aus: Lautes Lachen.

Es waren Esel. Esel, die uns auch am nächsten Morgen auf dem Grundstück begrüßten. Für alle, die bei den schottischen Wildtieren nicht so firm sind: Schottische Esel gelten landläufig als eher ungefährlich. Zu dem interessierten Paul waren die Beiden dann auch sehr freundlich.

Die gefährlichen schottischen Wildtiere bei der Futtersuche

Die gefährlichen schottischen Wildtiere bei der Futtersuche

Wir hatten die Wildtiere also eigenhändig gezähmt. Mitten in der schottischen Einsamkeit. Direkt vor unserem Nomadenzelt.

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Über den Autor

... ist leidenschaftlicher Fotograf und immer auf der Suche nach wundervollen Motiven. Außerdem ist er begeistert von Webtechnologien und hat zu diesem Thema mehrere Artikel in Expertenzeitschriften veröffentlicht. Fotografische Highlights der bisherigen Reisen waren für ihn Hawaii (auf Grund der Vielfältigkeit), Indien und Nepal. Folge uns auf Facebook und abonniere unseren Newsletter.

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